Santa Muerte – Mexikos Knochenfrau

Santa Muerte ist die Volksheilige des Todes in Mexiko: ein Frauenskelett in langem Gewand, mit einer Sense in der einen Hand und der Weltkugel in der anderen. Die Bedeutung von Santa Muerte liegt in einem Satz ihrer Gläubigen: Sie weist niemanden ab. Die Kirche hat sie nie anerkannt.

Rote und weisse Andachtskerzen mit Ringelblumen in einer Gasse bei Daemmerung

Es ist der Erste des Monats, und die Gasse ist voll bis in die Seitenstraßen. Fast jeder trägt etwas auf dem Arm. Figuren, manche handgroß, manche so lang wie ein Kind, in Satin gekleidet, mit Perlenketten behängt, frisch frisiert mit echtem Haar. Wer keine Figur hat, hält ein Bild. Wer kein Bild hat, hält eine Kerze.

Vorne beginnt jemand den Rosenkranz, und die Gasse spricht mit. Zwischen den Gebeten steigt Rauch auf: Ein Mann zieht an einer Zigarette und bläst den Rauch seiner Figur ins Gesicht, langsam, so wie man jemandem einen Gefallen tut. Am Rand kniet eine Frau mit einem Foto in der Hand und redet leise darauf ein.

Und in der Mitte, hinter Glas, steht sie. Knochen unter der Kutte, die Sense über der Schulter, die Welt in der Handfläche. Sie sieht niemanden an und sieht alle an.

Santa Muerte auf einen Blick
Wer sie ist Die Volksheilige des Todes in Mexiko, ein Frauenskelett im Gewand
Was ihr Name heißt Heiliger Tod; gerufen wird sie Niña Blanca, La Flaquita, La Huesuda
Woran man sie erkennt Sense und Weltkugel, dazu Waage, Eule oder Sanduhr, das Gewand in einer Farbe
Wofür sie steht Dass am Ende für jeden dieselbe Rechnung aufgemacht wird
Seit wann belegt Erste namentliche Nennung in einer Inquisitionsakte von 1797
Wie viele ihr folgen Schätzungen sprechen von 10 bis 12 Millionen Menschen
Nicht dieselbe wie La Catrina, die Festgestalt des Día de los Muertos

Inhaltsverzeichnis

Was Santa Muerte bedeutet: die Frau, die niemanden abweist

Ihre Anhänger sagen selten ihren vollen Namen. Sie sagen Niña Blanca, weißes Mädchen. La Flaquita, die Dünne. La Huesuda, die Knochige. Kosenamen für den Tod, und darin steckt schon alles: Man hat vor ihr keine Angst. Man ist mit ihr per Du.

Frau im Gebet vor einem Santa-Muerte-Altar mit Kerzen und Rosen

Wer zu ihr geht, geht mit etwas Konkretem in der Tasche. Dass der Prozess gut ausgeht. Dass der Sohn aus dem Gefängnis zurückkommt. Dass das Fieber sinkt. Dass die Grenze überstanden wird. Vor ihrem Glas stehen Marktfrauen, Taxifahrer, Pflegerinnen, Gefängniswärter, Trans-Frauen, Wandernde auf dem Weg nach Norden. Menschen, denen anderswo die Tür zugegangen ist.

Denn das ist der Gedanke, aus dem sie ihre ganze Kraft zieht: Der Tod fragt nicht nach Papieren. Er fragt nicht nach Vorstrafen, nicht nach dem Konto, nicht danach, wen du liebst. Bei ihm gilt für jeden derselbe Satz, und er lautet: irgendwann. In dieser Rechnung liegt für ihre Gläubigen die Gerechtigkeit, die sie sonst nirgends bekommen.

Eine Volksheilige wächst von unten. Es gibt kein Verfahren, keine Prüfung, keinen Segen aus Rom. Es gibt nur jemanden, der eine Kerze anzündet und anfängt zu reden, und irgendwann sind es Millionen.

Der Amerikaner R. Andrew Chesnut fuhr jahrelang nach Mexiko, um herauszufinden, wie viele es genau sind. Er stand an Schreinen, saß in Wohnzimmern, hörte zu. Was er mitbrachte, waren zehn bis zwölf Millionen Menschen und der Satz, dass keine religiöse Bewegung auf dem amerikanischen Kontinent schneller wächst als diese.

Dieser eine Gedanke ist es, der weit über Mexiko hinaus ankommt. Dass am Ende dieselbe Rechnung für alle aufgemacht wird, ist hart, und im selben Atemzug lässt sie niemanden draußen stehen. Kein Rang verschiebt daran etwas, kein Konto, keine Herkunft. Deshalb findet man ihre Bildwelt heute in Tattoo-Studios von Berlin bis Hamburg und auf Stoff, getragen von Menschen, die nie eine Kerze für sie angezündet haben — bei uns in der La Catrina Collection. Was von ihr mitwandert, ist ihre Haltung: den Tod anschauen, ohne den Blick zu senken.

Bleibt die Frage, die man ihr am schwersten abringt: Wo kommt sie her?

Die Nacht, in der sie gefesselt wurde

San Luis de la Paz, im heutigen Guanajuato, 1797. Was ein Kleriker damals zu Papier brachte, liest sich so:

Leere Kolonialkapelle bei Nacht mit Kerzen und aufgerolltem Strick am Altar

Es ist Nacht, und in einer kleinen Kapelle am Rand des Ortes versammeln sich Männer und Frauen der Chichimeca. Auf dem Altar steht eine Skelettfigur. Sie stellen Kerzen davor auf, aber verkehrt herum, mit der Flamme nach unten. Sie sprechen die Figur mit Namen an: Santa Muerte. Sie legen ihre Bitten vor. Und dann tun sie etwas, das kein Priester der Welt für Andacht halten würde: Sie nehmen einen Strick, binden die Figur fest und drohen ihr Prügel an, falls sie nicht liefert, worum man sie gebeten hat.

Die Akte, die daraus wurde, trägt den Titel „Über die Aberglauben verschiedener Indianer aus dem Ort San Luis de la Paz" und liegt bis heute in den Beständen der Inquisition. Sie ist das erste Dokument der Welt, in dem dieser Name fällt.

Man muss den Satz mit dem Strick zweimal lesen, weil in ihm der Charakter dieser Andacht steckt. Hier kniet niemand demütig. Hier wird verhandelt. Ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas, und wenn du das nicht tust, hat das Folgen. Diese Haltung ist nie verschwunden. Sie steht bis heute vor jedem Hausaltar in Mexiko und unterscheidet diese Figur von allem, was in einer Kirche geschieht.

Die Nacht endete, wie solche Nächte damals endeten. Die Kapelle wurde geräumt, die Figuren zerschlagen, die Beteiligten bestraft.

Und dann verschwand sie.

Anderthalb Jahrhunderte Stille und eine rote Kerze

Fast hundertfünfzig Jahre lang taucht sie in keiner Quelle mehr auf. Kein Bericht, keine Akte, keine Erwähnung. Was in dieser Zeit in den Häusern stand, hinter welchem Vorhang, in welcher Truhe, weiß niemand.

Erst in den 1940er Jahren steht sie wieder auf einem Blatt Papier, in den Notizen von Anthropologen, die durch mexikanische Dörfer zogen. Und die Rolle, in der sie zurückkommt, ist sehr genau umrissen.

Rote Andachtskerze und altes Foto auf einem Holztisch

Eine Frau ist betrogen worden. Sie geht zu niemandem, der eine Amtstracht trägt, denn mit dieser Sache geht man zu keinem Pfarrer. Sie kauft eine rote Kerze, stellt sie auf und ruft die Knochenfrau an, damit der Mann zurückkommt. Das ist alles. Über Jahrzehnte ist sie in den Aufzeichnungen genau das: die Heilige der roten Kerze, zuständig für Liebe, für Rache in Liebesdingen, für die Angelegenheiten, über die man nicht spricht.

Aus dieser roten Kerze wurden später viele Farben. Aber sie war die erste.

Manche erzählen die Herkunft ganz anders und viel älter. Sie sagen, dass sie schon vor den Spaniern da war, als Mictēcacihuātl, die Herrin der Toten, die tief unten in Mictlán über die Gebeine wachte. Dass sie sich, als die Missionare kamen, eine spanische Kutte übergezogen habe und eine europäische Sense in die Hand nahm, und dass darunter noch immer dieselbe steht. Es ist die schönere Geschichte, und in Mexiko-Stadt erzählt man sie gern. Beweisen lässt sie sich nicht: Zwischen der Herrin von Mictlán und der Figur in der Kapelle von 1797 fehlt jede Spur. Wer dieser Unterwelt trotzdem nachgehen will, findet ihre neun Ebenen in unserem Artikel über La Catrina und den Día de los Muertos.

Aus dem Schlafzimmer kam sie in all diesen Jahren trotzdem nicht heraus. Dafür brauchte es eine Frau mit einer Vitrine.

Eine Frau trägt eine Figur auf die Straße

Beleuchteter Strassenschrein fuer Santa Muerte in einer Gasse bei Daemmerung

Bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts blieb sie eine Sache für hinter verschlossenen Türen. Die Figuren standen im Schlafzimmer, im Schrank, hinter einem Tuch. Man sprach nicht darüber, auch nicht mit Nachbarn, von denen man wusste, dass sie dasselbe im Schrank hatten.

Dann kam der 31. Oktober 2001.

In Tepito, einem Viertel von Mexiko-Stadt, das für seinen Markt, seine Boxer und seinen Ruf bekannt ist, verkaufte eine Frau namens Enriqueta Romero Quesadillas. Im Viertel hieß sie Doña Queta. Sie besaß eine lebensgroße Figur der Santa Muerte, ein Geschenk, und sie hatte sie jahrelang drinnen stehen.

An diesem Abend trug sie sie hinaus. Stellte sie in eine Vitrine auf den Gehsteig vor ihrer Haustür, mit dem Gesicht zur Straße. Und ließ sie dort.

Mehr geschah nicht. Eine Frau stellt eine Figur nach draußen.

Was daraus wurde, hatte niemand geplant, sie selbst am allerwenigsten. Zum Rosenkranz am Ersten des Monats kamen bald Tausende. Familien legten hunderte Kilometer zurück, um eine Viertelstunde vor dieser Vitrine zu stehen. Manche gingen die letzten Straßen auf den Knien. Und im ganzen Land, später bis weit in die Vereinigten Staaten hinein, entstanden Schreine nach demselben Vorbild.

An jenem Abend geschah etwas, das größer war als eine fromme Geste. Was jahrhundertelang hinter dem Vorhang gestanden hatte, stand plötzlich an der Straße. Und jeder, der vorbeiging, musste sich dazu verhalten.

Wer zum ersten Mal vor so einer Vitrine steht, schaut übrigens nicht ins Gesicht. Man schaut auf die Hände.

Was sie in den Händen hält

Keine Figur gleicht der anderen. Sie wird eingekleidet, umgezogen, behängt, manchmal geschminkt, jede nach dem Geschmack ihres Haushalts. Was sie hält, folgt dagegen einer Bildsprache, die älter ist als sie selbst.

Die Sense zuerst, über der Schulter oder in der Faust. Sie schneidet ab, was zu Ende ist, und sie schneidet frei, was verwachsen ist. Beides wird in sie hineingelesen. Dann die Weltkugel in der anderen Hand, klein wie ein Apfel: Es gibt keinen Ort, für den sie unzuständig wäre.

Manche Figuren tragen eine Waage, und dann ist ihre Aussage am unbequemsten. Jedes Leben wiegt gleich, das reiche wie das arme, und niemand legt heimlich den Daumen auf die Schale. Auf der Schulter oder zu Füßen sitzt oft eine Eule, ein Tier, das im Dunkeln sieht und in mesoamerikanischen Bildern zur Unterwelt gehört. Dazu kommen Sanduhr und Lampe: zugemessene Zeit, die man umdrehen kann, und Licht für einen Weg, den man nachts geht.

Was sie nirgends hält, fällt erst auf den zweiten Blick auf. Kein Buch, kein Kelch, kein Kreuz. Alles in ihren Händen kommt ohne Vermittlung aus: schneiden, wiegen, sehen, leuchten.

Bleibt das, was man noch vor den Händen sieht: die Farbe, in der sie gekleidet ist. Und die ist keine Frage des Geschmacks.

Die Farben der Santa Muerte: sieben Farben, sieben Bitten

Wer in Mexiko vor einem Regal mit ihren Kerzen steht, sieht als Erstes Farbe. Und Farbe ist hier die Anrede. Sie sagt, worum es geht, noch bevor ein Wort gesprochen ist.

Farbe Worum Gläubige damit bitten
Weiß Frieden im Haus, Reinigung, Genesung – die häufigste Figur von allen
Rot Liebe und das Zurückholen eines Menschen – ihre älteste bezeugte Rolle
Schwarz Abwehr von Feinden; in dieser Farbe wird sie auch für Vergeltung angerufen
Gold Arbeit, Geld, ein Geschäft, das laufen soll
Grün Ein Verfahren vor Gericht und ein Urteil, das gut ausgeht
Blau Klarheit im Kopf, Prüfungen, eine Ausbildung
Bernstein Loskommen von etwas, das einen festhält
Siebenfarbig Alles auf einmal – für Menschen, die vieles gleichzeitig zu tragen haben

Die schwarze Figur ist der Grund, warum diese Andacht in europäischen Nachrichten vorkommt, und sie hat das Bild von außen geprägt. In den Haushalten selbst bleibt sie eine Minderheit. Was dort steht, ist fast immer weiß, und was davor gebeten wird, klingt meistens so: dass das Fieber sinkt und der Monat reicht.

Gebeten wird dabei selten in einer Kirche. Gebeten wird zu Hause, an einem Tisch, auf dem als Erstes ein Glas steht.

Das Glas Wasser

Ihr Altar steht selten repräsentativ. Er steht dort, wo Platz ist: auf einer Kommode, in der Ecke einer Werkstatt, auf dem Regal neben dem Bett. Und was daraufkommt, hat eine Reihenfolge.

Hausaltar mit Santa-Muerte-Figur, Glas Wasser, Brot und Fruechten

Ganz zuerst das Wasser. Ein volles Glas, immer, und es wird nachgefüllt, bevor es leer wird. Erst danach kommt der Rest: Brot, Obst, Süßigkeiten, orangene Ringelblumen, ein Glas Tequila oder Mezcal. Zigaretten, oft angezündet und ihr ins Gesicht geraucht, eine Geste, die aus alten Räucherbräuchen stammt und in dieser Andacht nie ausgestorben ist. Bei manchen liegt ein Apfel da, in dem eine Münze steckt.

Was einmal dasteht, bleibt da. Man isst es nicht und verwendet es nicht weiter. Und das Gewicht der Gabe richtet sich nach dem Gewicht der Bitte: Wer viel will, stellt viel hin.

Und dann wird geredet. In eigenen Worten, oft laut, oft lange, manchmal vorwurfsvoll, weil beim letzten Mal nichts passiert ist. Diese Andacht kennt kein feierliches Register. Man spricht mit ihr wie mit einer Person, die einem etwas schuldet und der man etwas schuldet.

Von Rom aus gesehen ist genau das der Skandal.

Die Heilige, die keine sein darf

Im Mai 2013 stand Kardinal Gianfranco Ravasi in Mexiko und sagte es öffentlich: eine Entartung der Religion, eine Blasphemie. Religion feiere das Leben, hier gehe es nur um den Tod. Mexikanische Bischöfe hatten das längst so gesehen.

Vier Jahre vorher waren schon Bagger gekommen. 2009 ließ die Regierung Calderón rund vierzig ihrer Schreine entlang der Grenze zu den Vereinigten Staaten niederlegen, weil sie in der Figur ein Zeichen der Kartelle sah.

Dass Kartellmitglieder ihr Kerzen anzünden, stimmt. Dass die weit überwiegende Zahl derer, die vor ihr knien, Marktfrauen sind, Fahrer, Pflegekräfte und ganze Familien, stimmt genauso. Die meisten von ihnen halten sich für gute Katholiken und gehen weiter zur Messe.

Doña Queta hat es Journalisten immer gleich erklärt: gläubige Katholikin, und die Niña Blanca daneben. Für die Kirche ist das ein Widerspruch. In Tepito räumt deshalb niemand etwas weg.

Uebersicht zur Santa Muerte mit Volksheilige, Darstellung, Anliegen, Verehrung und Kontroverse

Zwei Frauen aus Knochen

In Deutschland werden die beiden ständig verwechselt, und das ist verständlich: zwei Frauen aus Mexiko, beide Skelett, beide unheimlich schön. Trotzdem trennt sie fast alles.

La Catrina kommt aus einer Druckerei. Sie entstand um 1910 als Zeichnung auf einem Flugblatt, ein Spott über Leute, die vornehmer tun wollten, als sie waren, und sie trägt ihre ganze Aussage im Hut: Dein Rang reicht bis zur Schwelle, keinen Schritt weiter. Sie ist das Gesicht eines Festes. Sie hat zwei Tage im Jahr, den 1. und den 2. November, und niemand betet zu ihr.

Santa Muerte kommt aus einer verschlossenen Kapelle. Sie hat keinen Festtag, sie hat jeden Tag. Vor ihr wird gekniet, ihr wird etwas versprochen, von ihr wird etwas erwartet, und wenn nichts kommt, wird sie zur Rede gestellt. La Catrina schmückt sich für Besuch. Santa Muerte verhandelt.

Zum Día de los Muertos gehört sie deshalb nicht, auch wenn ihr berühmtester Schrein ausgerechnet an einem 31. Oktober eröffnet wurde. Ihre Kerzen brennen im Februar genauso.

Wie sie auf unsere Bildschirme kam

2010 beginnt die dritte Staffel von Breaking Bad mit einer Szene ohne ein einziges Wort. Zwei Männer in teuren Anzügen steigen aus einem Wagen, legen sich in den Staub einer mexikanischen Dorfstraße und robben auf den Ellbogen weiter, zwischen Dutzenden anderer, die dasselbe tun. Am Ende der Straße steht ein Schrein. Sie legen eine Zeichnung hinein und zünden eine Kerze an.

Für Millionen Zuschauer außerhalb Mexikos war das die erste Begegnung mit ihr – und sie war schief. Eine Heilige der Auftragsmörder, angerufen von Männern, die gleich jemanden töten werden. Dass in derselben Straße eine Mutter um die Genesung ihres Kindes bittet, kam im Bild nicht vor.

So läuft es bis heute: In deutschen Nachrichten taucht sie auf, wenn es um Kartelle geht, und sonst nie. Eine Andacht von zwölf Millionen Menschen, bekannt geworden über ihre lauteste Minderheit.

Nach Europa kam sie deshalb weder über die Kirche noch über die Nachrichten, sondern über Bilder: über Tattoo-Studios, über Musikvideos, über Stoff. Wer sie hier zum ersten Mal sieht, sieht meistens keine Figur hinter Glas. Sondern eine Zeichnung auf Haut.

Santa Muerte als Tattoo und auf Stoff

In Mexiko und im Süden der Vereinigten Staaten wird sie großflächig gestochen: Rücken, Brust, Oberarm, meist frontal, Kutte, Sense, Kerzen, daneben ein Datum oder ein Name. Wer sie so trägt, trägt eine Abmachung mit sich herum. Eine überstandene Zeit. Einen Menschen. Ein Versprechen, das gehalten wurde.

In Europa ist das anders, und dazu gehört Ehrlichkeit. Hier wird sie meist als Bildwelt getragen, wegen der Knochen, der Kutte, des Kerzenlichts und der Ringelblumen, ohne den Glauben, der in Mexiko darunter liegt. Das lässt sich mit Anstand machen, solange man weiß, wovon man ein Bild trägt: vom Zeichen lebender Menschen, nicht vom Ornament einer untergegangenen Kultur.

Der Unterschied liegt allein in der Haltung. Ein Motiv, dessen Herkunft du kennst, trägt sich anders als eines, das du hübsch fandst.

Das Zeichen tragen bei Runental

Zwei Shirts mit Santa-Muerte-Motiv neben Kerze und Ringelblumen auf Holz

Unsere Motive folgen ihrer Formensprache: die Kutte mit dem schweren Faltenwurf, der Schleier, Rosen und Ringelblumen im Kerzenlicht, dieser Blick, der niemanden aussortiert. Gedruckt auf Shirts, V-Necks, Tank Tops und Hoodies, in Schwarz und in Weiß, mit wasserbasierten Druckfarben statt Plastisol. Es ist Bildwelt, keine Andacht – wir zeichnen ein Zeichen nach und verkaufen keine Heiligenfigur.

Beieinander stehen sie in unserer La Catrina Collection, zusammen mit den Federhüten, Zuckerschädeln und Ringelblumen der übrigen mexikanischen Motive. Was unsere Kundinnen davon halten, steht direkt am Produkt: über 650 verifizierte Bewertungen mit 4,9/5 Sternen.

Zwischen keltischen Knoten und nordischen Runen steht sie in unserer mystischen Damenbekleidung – und macht sich dort erstaunlich gut, weil alle drei dieselbe Frage stellen. Wer lieber bei der Frage bleibt als beim Motiv, findet unsere Designs mit Bedeutung.

Und falls du überlegst, sie jemandem zu schenken: Das Zeichen braucht keine Erklärung. Wer es bekommt, muss die Akte von 1797 nicht kennen, damit es ankommt – es steht einfach da und weist niemanden ab.

Häufige Fragen zu Santa Muerte

Was bedeutet Santa Muerte?

Santa Muerte heißt auf Spanisch „Heiliger Tod" und meint die Volksheilige des Todes in Mexiko, dargestellt als Frauenskelett in langem Gewand mit Sense und Weltkugel. Für ihre Gläubigen steht sie dafür, dass der Tod niemanden bevorzugt und niemanden abweist.

Ist Santa Muerte eine katholische Heilige?

Nein. Sie ist eine Volksheilige, also von unten gewachsen und ohne kirchliche Anerkennung. Die katholische Kirche lehnt die Verehrung ab; Kardinal Gianfranco Ravasi nannte sie 2013 öffentlich eine Entartung der Religion.

Woher kommt Santa Muerte ursprünglich?

Ihre erste namentliche Nennung steht in einer Inquisitionsakte von 1797 aus San Luis de la Paz im heutigen Guanajuato. Oft wird sie auf die aztekische Totenherrin Mictēcacihuātl zurückgeführt – eine belegte durchgehende Linie dorthin gibt es jedoch nicht.

Wie viele Menschen verehren Santa Muerte?

Schätzungen nennen 10 bis 12 Millionen Anhänger in Mexiko, Mittelamerika und im Süden der Vereinigten Staaten. Der Religionswissenschaftler R. Andrew Chesnut bezeichnet sie als die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung Amerikas.

Was bedeuten die Farben der Santa Muerte?

Farbe von Gewand und Kerze zeigt an, worum gebeten wird: Weiß für Frieden und Genesung, Rot für Liebe, Gold für Arbeit und Geld, Grün für Gerichtsverfahren, Blau für Klarheit, Schwarz für Abwehr. Die siebenfarbige Figur steht für alle Anliegen zusammen.

Was hält Santa Muerte in den Händen?

Meist eine Sense und eine Weltkugel, dazu oft eine Waage, eine Eule, eine Sanduhr oder eine Lampe. Die Sense wird als Ende und als Freischneiden gelesen, die Weltkugel als weltweite Zuständigkeit, die Waage als gleiches Gewicht für jedes Leben.

Was ist der Unterschied zwischen Santa Muerte und La Catrina?

Santa Muerte ist eine religiöse Figur, die ganzjährig angerufen wird; La Catrina ist eine Kunstfigur von 1910 und das Gesicht des Día de los Muertos am 1. und 2. November. Die eine trägt Kutte und Sense, die andere Federhut und Blumen.

Wie sieht ein Santa-Muerte-Altar aus?

Im Zentrum steht die Figur, davor als Erstes ein volles Glas Wasser. Dazu kommen Kerzen in der passenden Farbe, Brot, Obst, Süßigkeiten, orangene Ringelblumen, oft Tequila und Tabak. Gaben werden weder gegessen noch weiterverwendet.

Was bedeutet ein Santa-Muerte-Tattoo?

Es steht meist für eine überstandene Zeit oder ein eingelöstes Versprechen, in Mexiko häufig ergänzt um ein Datum oder einen Namen. In Europa wird das Motiv überwiegend als Bildwelt getragen. Wie du es für dich liest, bleibt deine Entscheidung.

Gehört Santa Muerte zum Día de los Muertos?

Nein. Der Día de los Muertos ist ein Familienfest der Erinnerung an bestimmte Verstorbene, Santa Muerte hat eigene Altare und wird das ganze Jahr über angerufen. Dass ihr bekanntester Schrein an einem 31. Oktober eröffnet wurde, ist ein Zufall des Datums.

Am Ersten des Monats

In Tepito steht die Vitrine noch. Am Ersten jedes Monats füllt sich die Gasse wieder, die Figuren kommen frisch angezogen aus den Wohnungen, jemand hält ein Foto hoch, jemand raucht in Richtung Glas.

Und vielleicht liegt darin ihr ganzes Geheimnis: eine Gestalt, vor der du nichts erklären musst. Keine Herkunft, keine Akte, keine Vorgeschichte. Du kommst mit dem, was du hast, stellst ein Glas Wasser hin und fängst an zu reden.

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